Mensch und Natur PAF·FSWindkraft-Information
Windkraftstandort Hohenkammer WKA2 — Bildmaterial: 28. Juli 2026 (Drohne) und 15. August 2026
Ende Juli 2026 zeigte eine Drohnenaufnahme den frisch freigelegten Standort der Windkraftanlage 2 (WEA 2) in Hohenkammer: eine breite, planierte Fläche, gesäumt von einem schnurgeraden, neu geschaffenen Waldrand. Nur wenige Wochen später, nach einer ausgeprägten Trockenperiode und einem heftigen Gewittersturm Mitte August, bot sich ein anderes Bild: Dutzende Fichten am Rand dieser Lichtung standen geknickt, stark gebogen oder waren ganz umgestürzt.
Was auf den ersten Blick wie zwei unabhängige Ereignisse wirkt, hängt tatsächlich eng zusammen – und zeigt exemplarisch, wie stark Windkraft-Rodungen in geschlossenen Waldgebieten die verbleibenden Bestände für Hitze und Sturm anfällig machen.
Der Ausgangszustand: eine harte Kante im Wald
Der Blick von oben zeigt, wie der Eingriff in den Bestand angelegt wurde: Zuwegung und Bauflächen wurden in gerader Linie aus dem geschlossenen Nadelwald herausgeschnitten. Wo Bäume zuvor auf allen Seiten von ihren Nachbarn geschützt standen, endet der Bestand nun abrupt an einer fast senkrechten Kante. Genau diese Kante wird in den folgenden Wochen zum Schwachpunkt.
Luftbild vom 28. Juli 2026: Rodungsflächen für WEA 2 nach Abschluss der Rodungsarbeiten. Der neue Waldrand verläuft ohne abgestufte Übergangszone zum geschlossenen Bestand.
Forstlich betrachtet fehlt hier, was einen stabilen Waldrand ausmacht: eine gestufte Übergangszone aus niedrigerer, dichter, sturmfester Vegetation, die dem Bestandsinneren vorgelagert ist und Wind sowie Sonneneinstrahlung abfängt, bevor sie die hochgewachsenen Stämme erreichen. Wird ein Waldrand stattdessen in einem Zug und ohne Übergang neu geschaffen, treffen Wind und Sonne ungebremst auf Bäume, die zeitlebens nie damit rechnen mussten, freistehend Kräften standzuhalten.
Zwei Wochen später: Trockenheit und Sturm zeigen Wirkung
Die Aufnahmen vom 15. August 2026 entstanden nach einer Trockenperiode, die den Boden austrocknete und die Bäume zusätzlich schwächte, gefolgt von einem Gewittersturm mit kräftigen Böen. Am neuen Waldrand zeigt sich das Ergebnis deutlich.
Waldrand an WEA 2, 15. August 2026: Zahlreiche Fichten sind auf halber Höhe geknickt oder gebogen. Im Hintergrund links ist ein Hochsitz zu erkennen – ein Maßstab dafür, wie ausgedehnt der betroffene Abschnitt ist.
Nahaufnahme desselben Waldrands: Die gebogenen und abgebrochenen Stämme zeigen, wie wenig die einst im geschlossenen Bestand stehenden Bäume auf direkte Windlast vorbereitet waren. Im Hintergrund, wenige Meter im Bestandsinneren, stehen die Nachbarbäume weiterhin aufrecht und unbeschädigt.
Warum reagiert gerade der neue Waldrand so empfindlich?
Mehrere Faktoren verstärken sich hier gegenseitig. Fichten sind Flachwurzler: Ihr Wurzelteller reicht selten tiefer als einen Meter in den Boden und war im geschützten Bestandsinneren völlig ausreichend, da benachbarte Bäume die Windlast untereinander aufteilten. Fällt diese gegenseitige Stütze durch die Rodung auf einer ganzen Bestandsseite weg, muss jeder einzelne Baum am neuen Rand die volle Windlast allein tragen – mit einem Wurzelsystem, das dafür nie ausgelegt war.
Hinzu kommt die veränderte Sonnen- und Wärmeeinstrahlung: Stämme und Boden, die zuvor im Schatten des geschlossenen Kronendachs standen, sind nun der vollen Sonne ausgesetzt. Das erhöht die Verdunstung und den Trockenstress zusätzlich zur ohnehin ausgetrockneten Witterungslage – und trockengestresste Bäume sind bruchgefährdeter, weil ihr Holz an Elastizität verliert. Schließlich wirkt die gerade, ungestufte Kante wie ein Windkanal: Böen, die im dichten Bestand zuvor gebremst und verwirbelt wurden, treffen nun ungehindert und mit voller Wucht auf die vorderste Baumreihe.
Ein Schaden, der sich fortsetzt
Die sichtbaren Schäden sind dabei nur der Anfang. Der Waldrand ist nach diesem ersten Sturmereignis weiter geschwächt und noch stärker windwurfgefährdet als zuvor – ein Muster, das sich bei jedem weiteren Sturm fortsetzen und den Waldrand Stück für Stück tiefer in den Bestand zurückdrängen kann, deutlich über die ursprünglich gerodete Fläche hinaus.
Fazit: Waldränder brauchen Zeit und Gestaltung
Die Rodungen für die Windkraftanlagen in Hohenkammer sind mehr als der Verlust der gerodeten Fläche selbst. Jede neu geschaffene, harte Kante destabilisiert auch den verbleibenden Bestand dahinter – und macht ihn anfälliger für genau jene Extremereignisse, die im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten: lange Trockenperioden im Wechsel mit heftigen Gewitterstürmen.